HBL
ÜberZahl - Die Zahlenkolumne: Wie Misha Kaufmann Kai Häfner auf Rekordkurs bringt

Kai Häfner steht vor gleich mehreren Meilensteinen. In der ewigen Torschützenliste der HBL könnte er schon am Sonntag auf Rang neun springen, beim TVB Stuttgart sogar zum erfolgreichsten HBL-Torschützen der Vereinsgeschichte werden. Das liegt auch an seinem Trainer Misha Kaufmann. Datenanalyst Julian Rux geht in der neuen Ausgabe von „ÜberZahl“ der Frage nach, warum Kaufmann seit Jahren Torschützenkönige hervorbringt und ob Häfner gerade die beste Saison seiner Karriere spielt.
Kaufmanns Erfolgsrezept: Torschützenkönige am Fließband
Fynn Hangstein 2021/22 und 2022/23, Manuel Zehnder 2023/24, Marko Grgić 2024/25. Die Liste der Torschützenkönige unter Misha Kaufmann ist beeindruckend. In jeder seiner Spielzeiten als Trainer in den beiden höchsten deutschen Ligen, mit Ausnahme der vergangenen Saison, stellte der Schweizer den erfolgreichsten Torschützen der jeweiligen Spielklasse. Und auch in der aktuellen Saison stehen die Chancen gut, denn aktuell Kai Häfner führt die Torschützenliste der Opel HBL an.
In seiner ersten Saison beim TVB Stuttgart verpasste Kaufmann diesen Erfolg allerdings knapp. Mathias Gidsel lieferte eine der herausragendsten Offensivsaisons der HBL-Geschichte ab und verhinderte damit, dass Häfner die Serie seines neuen Trainers fortsetzte. Dabei waren Häfners 255 Tore in der vergangenen Spielzeit bereits eine außergewöhnliche Ausbeute. In den 15 Spielzeiten zuvor wäre dieser Wert, wenn man die beiden Saisons mit 19 beziehungsweise 20 Mannschaften ausklammert, lediglich dreimal nicht ausreichend für die Torjägerkrone gewesen.
Doch was steckt hinter Kaufmanns Erfolgsrezept? Ein Blick auf die Daten seiner Mannschaften zeigt, dass vor allem zwei Faktoren eine wichtige Rolle spielen: Siebenmeter und gute Wurfpositionen.
Wie Kaufmanns Spielstil die Torschützenliste beeinflusst
Ein auffälliges gemeinsames Merkmal von Kaufmanns bisherigen Torschützenkönigen: Sie waren allesamt die ersten Siebenmeterschützen ihrer Mannschaft. Das ist ein erheblicher Vorteil im Rennen um die Torjägerkrone.
Wie groß dieser Anteil ausfallen kann, zeigt der Blick auf die einzelnen Spielzeiten. 2021/22 erzielte lediglich Noah Beyer für TuSEM Essen mehr Siebenmetertore als Torschützenkönig Fynn Hangstein. Beyer verwandelte 111 Strafwürfe, Hangstein kam auf 104. Eine Saison später drehte Hangstein den Spieß um: Mit 127 Siebenmetertoren war er auch der erfolgreichste Schütze der Liga vom Strich. Der zweitbeste Spieler kam auf 112.

Nach dem Aufstieg in die Opel HBL waren Manuel Zehnder mit 91 und Marko Grgić mit 85 Siebenmetertoren zwar jeweils nur die Nummer vier der Liga. Für die Torjägerkrone reichte es trotzdem. Bei Kai Häfner war die Situation in der vergangenen Saison eine andere. Mit 133 verwandelten Siebenmetern lag er ganze 27 Treffer vor dem Zweitplatzierten und führte dieses Ranking deutlich an. Für die Torjägerkrone reichte es dennoch nicht.
Dass Kaufmanns Spieler regelmäßig zu so vielen Siebenmetern kommen, ist kein Zufall. Sein Spielstil setzt stark auf Eins-gegen-eins-Duelle und Durchbrüche aus dem Rückraum.
Schon in Kaufmanns erster Saison beim ThSV Eisenach war dieser Ansatz erkennbar. Da er die Mannschaft erst während der laufenden Spielzeit 2021/22 übernahm, kamen seine Teams damals auf durchschnittlich 4,1 Siebenmeter pro Partie. Das war in der 2. HBL lediglich der neuntbeste Wert. Seit der folgenden Saison gehörten seine Mannschaften jedoch durchgehend zu den vier Teams mit den meisten Siebenmeterwürfen. Die Werte lagen zwischen 4,7 und 5,5 Strafwürfen pro Spiel.
Besonders bemerkenswert wird dieser Trend, wenn man das Spieltempo berücksichtigt. Kaufmanns Mannschaften spielen insgesamt eher langsam. Der TVB Stuttgart kommt aktuell auf lediglich 51,0 Ballbesitze pro Partie und hat damit die langsamsten Spiele der Liga. Weniger Ballbesitze bedeuten grundsätzlich auch weniger Gelegenheiten, einen Siebenmeter herauszuholen.
Gute Chancen statt schwieriger Würfe
Neben den Siebenmetern spielt ein zweiter Faktor eine wichtige Rolle: die Qualität der Feldwürfe. Wer häufig aus kurzer Distanz abschließt, hat bessere Chancen, seine Würfe auch tatsächlich zu verwandeln. Und auch hier zeigt sich die Handschrift von Kaufmann.
Seit der Saison 2023/24, seinem ersten Jahr in der Opel HBL, machten vor allem Eisenach und der SC Magdeburg die kürzesten Wurfentfernungen unter sich aus. Betrachtet werden dabei Feldwürfe ohne Siebenmeter, direkte Freiwürfe, Würfe auf das leere Tor und Abschlüsse aus der ersten Welle eines Gegenstoßes.
Der ThSV Eisenach lag 2023/24 mit durchschnittlich 6,5 Metern auf Rang zwei. In der folgenden Saison waren es 6,3 Meter und damit der Bestwert der Liga. Der TVB Stuttgart knüpfte daran an: In der vergangenen Spielzeit belegten die Schwaben mit ebenfalls 6,3 Metern Rang zwei. Aktuell kommen sie sogar auf nur 6,0 Meter und führen die Liga damit an.
Allerdings führen gute Wurfpositionen nicht automatisch zu einer hohen Trefferquote. Das zeigt sich auch bei Kaufmanns Mannschaften. 2023/24 verwandelte Eisenach 63,0 Prozent seiner Feldwürfe und landete damit lediglich auf Rang acht. In der vergangenen Saison kam der TVB mit 64,6 Prozent sogar nur auf Rang neun.
In anderen Spielzeiten funktionierte die Umsetzung deutlich besser. 2024/25 erreichte Eisenach eine Feldwurfquote von 66,5 Prozent und damit Rang drei. Der TVB Stuttgart steht aktuell bei 70,0 Prozent und belegt ligaweit den zweiten Platz.
Die Entwicklung der Feldwurfquote zeigt, wie entscheidend das Zusammenspiel aus Spielanlage und Abschlussqualität ist. Kaufmanns Teams verschaffen sich regelmäßig gute Wurfpositionen. Wie viel sie daraus machen, hängt zusätzlich von der individuellen Qualität ihrer Schützen ab.
Ein weiterer Aspekt gehört allerdings ebenfalls zur Einordnung: Die Defensivwerte von Kaufmanns Mannschaften zählten regelmäßig zu den schwächeren der Liga. Für die Frage, wer am Saisonende die meisten Tore erzielt, ist das zunächst zweitrangig. Es unterstreicht aber, dass die offensive Ausrichtung und die daraus entstehenden Torchancen ein zentraler Bestandteil seiner Spielidee sind.
Der beste Kai Häfner aller Zeiten?
Während Häfner mit seinen Toren aktuell die Schlagzeilen bestimmt, stehen in den nächsten Tagen auch einige persönliche Meilensteine an. Schon am Sonntag könnte er beim Auswärtsspiel in Magdeburg in der ewigen Torschützenliste der Opel HBL auf Rang neun springen. Dafür fehlen ihm lediglich zwei Treffer, um Martin Schwalb mit 2.232 Toren zu überholen.
Auch beim TVB Stuttgart könnte Häfner Vereinsgeschichte schreiben. In der ewigen Torschützenliste der Schwaben liegt er aktuell auf Rang drei. Dominik Weiß hat vier Tore mehr erzielt, Spitzenreiter Patrick Zieker liegt mit 648 Treffern sechs Tore vor Häfner. Je nachdem, wie viele Treffer die beiden im nächsten Spiel erzielen, könnte Häfner also bereits am Sonntag an die Spitze springen.
Ein weiterer Vereinsrekord ist ebenfalls zum Greifen nah. Bei den Siebenmetertoren liegt aktuell noch Bobby Schagen mit 166 Treffern vorn. Häfner fehlt nur noch ein verwandelter Strafwurf, um auch diesen Bestwert zu übernehmen.
Angesichts dieser Zahlen überrascht es kaum, dass zuletzt auch wieder über ein Comeback Häfners in der Nationalmannschaft diskutiert wurde. Gleichzeitig stellt sich die Frage, ob Misha Kaufmann aus dem Linkshänder tatsächlich den besten Kai Häfner aller Zeiten gemacht hat.
Ein Blick auf die reine Torausbeute scheint diese These zunächst zu bestätigen. In der vergangenen Saison erzielte Häfner durchschnittlich 7,5 Tore pro Spiel und stellte damit einen persönlichen Bestwert auf. In der laufenden Spielzeit liegt er sogar bei 8,1 Treffern pro Partie.
Doch diese Zahlen erzählen nur einen Teil der Geschichte. Denn seit seinem Wechsel zum TVB Stuttgart unter Kaufmann übernimmt Häfner erstmals in seiner Karriere auch die Verantwortung für die Siebenmeter. Seine Gesamtzahl an Toren ist deshalb nicht ohne Weiteres mit früheren Spielzeiten vergleichbar.
Betrachtet man ausschließlich die Feldtore, wird das Bild differenzierter. In der vergangenen Saison erzielte Häfner durchschnittlich 3,6 Feldtore pro Spiel. Weniger waren es zuletzt 2013/14 beim HBW Balingen-Weilstetten.
Seine Abschlussqualität hat sich dagegen deutlich verbessert. Die Feldwurfquote von 62,5 Prozent in der vergangenen Saison lag mehr als drei Prozentpunkte über seinem vorherigen Karrierebestwert von 59,3 Prozent aus der Spielzeit 2022/23 bei der MT Melsungen. Gegenüber seiner zweitbesten Saison 2019/20, ebenfalls in Melsungen, betrug der Unterschied sogar rund sechs Prozentpunkte.
In der laufenden Saison hat Häfner diesen Wert nochmals gesteigert. Seine 67,2 Prozent wären ein neuer Karrierebestwert. Das ist ein starkes Argument dafür, dass er aktuell tatsächlich zu den effizientesten Versionen seiner selbst gehört.
Weniger Verantwortung, bessere Chancen
Ein wesentlicher Faktor für Häfners Entwicklung ist erneut Kaufmanns Spielstil. Der Trainer verteilt die offensive Verantwortung auf mehrere Akteure und setzt stark auf die beiden Spieler im zentralen Rückraum.
Das zeigt sich auch in der Kennzahl zur offensiven Verantwortung. Sie beschreibt den Anteil der Angriffe, die ein Spieler durch einen Wurf, einen herausgeholten Siebenmeter oder einen Ballverlust beendet, an allen entsprechenden Aktionen seiner Mannschaft.
In der vergangenen Saison lag Häfners Anteil bei 14,6 Prozent. Seit Beginn der verfügbaren Datenerfassung 2019/20 war das sein niedrigster Wert. Aktuell liegt er mit 15,0 Prozent nur leicht darüber.
Damit unterscheidet sich Häfner von Manuel Zehnder und Marko Grgić, die in ihren jeweiligen Torschützenkönig-Saisons unter Kaufmann nach Mathias Gidsel den höchsten Wert der Liga bei der offensiven Verantwortung aufwiesen. Häfner muss also nicht zwangsläufig mehr Angriffe abschließen, um mehr Tore zu erzielen. Vielmehr profitiert er davon, dass er seine Möglichkeiten effizienter nutzt.
Der entscheidende Unterschied liegt dabei in der Qualität seiner Wurfpositionen. Seit der Saison 2022/23 liegen entsprechende Daten vor. Vor seiner Zeit unter Kaufmann schloss Häfner seine Feldwürfe im Schnitt aus einer Entfernung von rund acht Metern ab. In der vergangenen Saison waren es nur noch 6,8 Meter, aktuell sind es sogar 6,3 Meter.
Auch die Position, aus der er wirft, hat sich verändert. Häfners Abschlüsse kommen mittlerweile aus weniger zentralen Bereichen. Zusammen mit der geringeren Wurfentfernung deutet das darauf hin, dass er häufiger in Situationen gelangt, in denen ein Treffer wahrscheinlicher ist.
Kaufmann macht den Unterschied
Die Daten zeichnen ein klares Bild: Kai Häfners Höhenflug steht in engem Zusammenhang mit der Ankunft seines Trainers. Misha Kaufmann schafft es, seine Stärken gezielt einzusetzen und ihm bessere Abschlussmöglichkeiten zu verschaffen. Gleichzeitig profitiert Häfner von der offensiven Ausrichtung des TVB, den vielen Eins-gegen-eins-Situationen und der damit verbundenen Zahl an Siebenmetern.

Ob Häfner am Saisonende tatsächlich erstmals in seiner langen Karriere Torschützenkönig wird, ist angesichts der Konkurrenz durch Mathias Gidsel noch offen. Dass er aktuell so effizient wie selten zuvor agiert, ist dagegen kaum zu bestreiten.
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