HBL
Börge Lund vor dem Nordderby: „Es geht um Entwicklung und Identität“

Foto: Heilwagen
Der Norweger Börge Lund, der drei Jahre als Spieler für den THW Kiel auf Torejagd ging, steht am Samstag vor seinem ersten Nordderby gegen die SG Flensburg-Handewitt als neuer Trainer der Zebras. Beide Nordklubs gehen als einzige verlustpunktfreie Teams der Opel HBL in das Duell.
Wenn man an Sport in Bodö denkt, kommt einem erst einmal das Fußballteam FK Bodö/Glimt in den Sinn, das als Underdog in der Vorsaison die UEFA Champions League aufmischte. Aber natürlich gibt es in der nordnorwegischen Hafenstadt auch Handballer. Einer von ihnen ist am 1. Juli zum neuen Cheftrainer des THW Kiel berufen worden: Börge Lund, 47 Jahre alt, zuvor seit 2020 erfolgreicher Trainer des norwegischen Vizemeisters Elverum HK und einige Jahre auch Co-Trainer von Christian Berge im norwegischen Nationalteam.
Lund kehrte dorthin zurück, wo er seine erfolgreichste Zeit als Spieler hatte: an die Kieler Förde. Von 2007 bis 2010 lief er für die Zebras auf, erzielte in 137 Einsätzen 155 Tore und gewann drei deutsche Meisterschaften, je zweimal den DHB-Pokal und den Super Cup, 2007 die Champions-Trophy und 2010 die Champions League. Zudem lief er in der Bundesliga für die HSG Nordhorn, die Füchse Berlin und die Rhein-Neckar Löwen auf. Als Nachfolger des gerade emotional verabschiedeten Filip Jicha unterschrieb Lund einen Vertrag bis zum 30. Juni 2028.
„Börge ist für unseren Neuanfang mit unserer neuformierten Mannschaft genau der richtige Mann“, sagte Viktor Szilágyi, Geschäftsführer des THW Kiel, bei der Verpflichtung des Norwegers: „Er hat in den vergangenen Jahren eine hervorragende Arbeit in Elverum geleistet, aus jungen und erfahrenen Spielern eine schlagkräftige Mannschaft geformt. Er hat Spieler in ihrer persönlichen Entwicklung vorangetrieben. Und er kennt den Club, die Stadt, die Liga.“
Lund spricht „von den goldenen Zeiten“ des THW, wenn er auf seine Zeit als Spieler zurückblickt: „Der Verein ist viele Jahre hintereinander deutscher Meister geworden, wurde Pokalsieger, gewann die Champions League. Es ging immer um Trophäen und Erfolge. Aber natürlich gab es auch Jahre, in denen Kiel nicht so erfolgreich war. Das Wichtigste daran: der THW kam immer wieder zurück an die Spitze – und genau das ist unsere Aufgabe für die Zukunft“, sagt Lund.
Die wichtigste Neuerung seit seinem Abschied als Spieler des THW Kiel ist für Lund das Trainingszentrum. „Das ist super, absolut professionell.“ Im Umfeld, bei den Fans und im Verein hat der Norweger indes viele bekannte Gesichter wieder getroffen: „Viele Leute in der Geschäftsstelle, aber auch unter den Fans waren schon da, als ich noch beim THW Kiel gespielt habe. Die Stadt und die Menschen leben Handball, auch das ist wie früher. Und die Ambitionen sind natürlich auch die gleichen wie früher.“
Für den früheren Spielmacher ein weiteres Qualitätsmerkmal bei den Zebras: Kontinuität. Im Kader, auf der Bank, in der Vereinsführung, auch auf den Tribünen. Seine drei Vorgänger Noka Serdarusic (1993 bis 2008), Alfred Gislason (2008 bis 2019) und Filip Jicha (2019 bis 2026) brachten es zusammen auf 33 Jahre als Trainer des THW, daher sind die Fußstapfen natürlich groß. „Ich war schon überrascht als sich Viktor bei mir meldete, und natürlich habe ich mich riesig gefreut. Es passiert ja eher selten, dass ein Trainer aus Norwegen in die Bundesliga wechselt. Und jetzt freue ich mich total, wieder in Deutschland zu sein. Die ersten Wochen haben mir einen Riesenspaß bereitet.“
Dass er unter besonderem Druck stehe, weil das Team, der Verein, die Fans nach Erfolgen lechzen, sieht Börge Lund nicht: „Ich kannte auch aus Norwegen diesen Druck. Für mich ist Druck etwas Positives, denn ohne Druck gibt es keine Entwicklung und keine Leistungssteigerung. Generell ist zudem der Druck am größten, den man sich selber macht, das kommt nicht von außen.“
Unter Lund legte der neue THW Kiel einen perfekten Start hin, gewann vor dem Derby alle bisherigen fünf Spiele der Opel Handball-Bundesliga inklusive des hauchdünnen 28:27 zuletzt in Eisenach und geht voller Selbstvertrauen ins Nordderby am Samstag (18.00 Uhr, live bei Dyn und in der ARD) gegen die ebenfalls verlustpunktfreie SG Flensburg-Handewitt. „Wenn man es nur von außen betrachtet, verschaffen diese Ergebnisse der Mannschaft mehr Ruhe. Aber uns geht es nicht nur um Resultate, sondern vielmehr um Entwicklung und um eine Identität. Die Mannschaft hat definitiv ein großes Potenzial, aber wir brauchen noch Zeit. Unsere Leistungen waren noch nicht konstant, daran müssen wir noch arbeiten, um uns zu stabilisieren.“
Neben dem Trainer sind auch zwei Leistungsträger neu: Domen Makuc, der als Champions-League-Sieger aus Barcelona nach Kiel kam, sowie der Ex-Gummersbacher Julian Köster. „Das gleich drei wichtige Positionen neu besetzt sind, macht auf der einen Seite die Reise vielleicht etwas länger, aber es bringt auf der anderen Seite auch frischen Wind ins Team“, sagt Lund.
Dass sein Team die Europaqualifikation als Ligasechster der Vorsaison verpasst hatte, wurmt Lund. Das Argument, dass er nun mehr Zeit habe, die Mannschaft im Training zu entwickeln, gilt für ihn nicht: „Natürlich ist Training wichtig, aber Weiterentwicklung geht nur über Spiele, denn da geht es um Leistung.“ Und das nächste Spiel sorgt seit vielen Jahrzehnten für Hochspannung in Schleswig-Holstein und ganz Handball-Deutschland: „Selbst in Norwegen haben wir die Nord-Derbys immer verfolgt. Es geht für die Fans, für die beiden Städte und beide Vereine um sehr viel.“ Lunds persönliche schönsten Derbymomente? „Immer, wenn wir gewonnen haben, aber kein spezielles Spiel, kein spezieller Moment.“
Das ewig junge Nordderby wird der erste Gradmesser für Lund und den THW sein. Viele Experten sehen die Kieler als einen Mitfavoriten auf die Meisterschaft. Diese Euphorie bremst der Norweger etwas: „Wir haben auf dem Papier einen Kader, der ganz oben mitspielen kann. Aber sowohl Spieler als auch Trainer sind alle nur Menschen. Mannschaften wie Magdeburg, Berlin, Flensburg oder Gummersbach haben uns noch etwas voraus, denn sie spielen seit Jahren zusammen. Aber natürlich wollen wir als THW Kiel immer oben mitspielen.“










